U-3-AUSBAU Ansprüche und Wirklichkeit bei Kleinkinderbetreuung klaffen auseinander
VON HELMUT FRANGENBERG
Die 44-jährige Gisela Gieren ist nochmal "Mama" geworden. So sehen es zumindest die zweijährigen Maurice und Anna. "Mama Gisela" soll den im Sandkasten gebackenen Kuchen bestaunen, während der einjährige Leon seine Kletterkünste verfeinert. Wer die vier auf dem Spielplatz in Niehl erlebt, kann nachempfinden, was Kritiker meinen, wenn sie die mangelhafte Ausstattung der Betreuungsangebote für Kleinkinder kritisieren. Bei Gisela Gieren beträgt der "Personalschlüssel" 1 zu 3. In einer Gruppe für Unter-Dreijährige in einer städtischen Kita kommen auf fünf Kinder eine Betreuerin. Sind ältere Kinder in der Gruppe, verschlechtert sich der Betreuungsschlüssel auf bis zu 1 zu 10.
Die gelernte Einzelhandelskauffrau hat sich vom Freien Bildungswerk Rheinland nach einiger Zeit als Ergänzungskraft in einer Kita zur Tagesmutter ausbilden lassen. "Ich habe gesehen, wie die Kleinen in den Kita-Gruppen untergehen. Es gibt einfach viel zu wenig Personal, um allen Kindern gerecht werden zu können." Sie könne den Frust vieler Erzieherinnen verstehen.
Stadt löst ihr Personalproblem
Sein Kind zu einer der knapp 400 zugelassenen Tagesmütter oder einem der nur neun Tagesväter zu geben, ist in der Regel viel teurer als ein Platz in einer Kindertagesstätte. Gieren bekommt 500 Euro pro Kind. Das ist für die Eltern viel, aber für eine Tagesmutter mit drei Kindern auch kein Gehalt, das man als angemessen bezeichnen könnte. Die Stadt übernimmt anteilig ihre Versicherungskosten, zahlt für Qualifizierung und die Koordination des Angebots. Das Problem, dass aufgrund der knappen Mittel und des fehlenden Haushalts kein Personal mehr für die Zulassung und Überprüfung der Tagesmütter eingestellt werden konnte, ist mittlerweile gelöst. Die Stadt hat zwei neue Stellen einrichten können. Der Ausbau des Angebots kann erst einmal weitergehen.
Für das viel größere Problem ist bislang keine Lösung in Sicht: Die Stadtspitze hat die gesamte U-3-Betreuung auf ihre Sparliste gesetzt. Statt der angestrebten Versorgungsquote von 40 Prozent bis 2013 sollen nur noch 35 Prozent erreicht werden.
80 Prozent der Plätze sollen in Kindertagesstätten eingerichtet werden, 20 Prozent in der Tagespflege - so steht es zumindest auf dem Papier. Da Plätze in der Tagespflege mit viel weniger Geld vom Land bezuschusst werden als das Angebot in Kitas, ist zu erwarten, dass die Tagespflege den größeren Sparbeitrag leisten werden muss. Eine Entscheidung, die für eine Gesamtentwicklung steht: Die geforderten Qualitätsverbesserungen - zum Beispiel durch einen besseren Personalschlüssel - rücken in weite Ferne.
Auf einer Fachtagung der Leitbildgruppe "Moderne Stadtgesellschaft", deren Ergebnisse nun vorgelegt worden sind, sind unter breiter Beteiligung von Experten, Eltern, Erzieherinnen und der Politik noch einmal zentrale Forderungen für den Ausbau des U-3-Angebots formuliert worden: Quantität dürfe nicht auf Kosten der Qualität gehen, kleine Gruppen und eine gute Erzieher-Kind-Relation - am besten im Verhältnis von 1 zu 3 - seien "unabdingbar". Für den Bereich der Tagespflege fordert die Leitbildgruppe die finanzielle und politische Gleichstellung - "als echte Alternative, die nicht nur Notlösung für diejenigen ist, die keinen Kita-Platz bekommen haben", wie Gieren sagt. Die Fachleute sind sich einig darin, dass sich die Qualität von Kinderbetreuung am Wohl und den Bedürfnissen des Kindes orientieren muss - und nicht an Wünschen von Erwachsenen oder der Wirtschaft. Solch klare Vorgaben drohen nun im Sparprogramm der Stadt völlig unterzugehen.
hier noch ein Kommentar von H.Frangenberg
BETREUUNG Zu den Sparvorschlägen der Stadt
Konzepte für die Schublade HELMUT.FRANGENBERG@MDS.DE
Es ist nicht so, dass es an richtigen und klugen Konzepten fehlt. Nicht nur über die Zukunft der Betreuung von Unterdreijährigen (U 3) ist in Köln Wegweisendes zu Papier gebracht worden. Egal ob Ganztagsbetreuung an Schulen, Integration von behinderten Kindern oder Förderung von Mehrsprachigkeit - an unzähligen runden Tischen wird über die Themen Bildung, Betreuung und die Förderung von Kindern und Familien nachgedacht - bevor die Ergebnisse in Schubladen einer finanzschwachen Stadtverwaltung verschwinden.
Dass die Stadt sparen muss, steht außer Frage. Dass sie dabei aber offensichtlich bereit ist, Investitionen in Bildung und Betreuung zu opfern, ist ein schwerer Fehler. Es geht um mehr als die Angebote für einzelne Kinder und Familien, denen ein Betreuungsplatz genauso wie ein Höchstmaß an pädagogischer Qualität zu gönnen ist. Es geht darum, dass die Stadt nicht erkennt, dass eine familienfreundliche Infrastruktur genau wie ein zukunftsorientiertes Bildungsangebot ganz zentrale Standortfaktoren sind.
Ohne die Hilfe von Land und Bund sind freilich keine großen Sprünge zu machen. Die magere Bezuschussung der Tagespflege ist ein Beispiel dafür, wie wenig dem Land - entgegen anderslautenden Beteuerungen - die Qualität der Betreuung bislang wert war. Die Stadt wird weiter mehr Engagement und Geld von Bund und Land fordern müssen. Aus der eigenen Verantwortung entlässt sie das aber nicht.
